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12:28 Uhr

Zugbegleiter-Job: "Er würde mir vielleicht die Nase brechen"

Serkan Çalar starb bei der Ausführung seines Jobs. Auch Maurice Lucke ist Zugbegleiter. Drohungen und verbale Gewalt hat auch er schon erlebt. Wie fühlt sich das an?
Doppelstockzug
Doppelstockzug in Berlin, © Deutsche Bahn AG / Dominic Dupont
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Maurice Lucke hört im Job immer auf sein Bauchgefühl. Das "betrügt mich eigentlich nie", sagt der Zugbegleiter. "Und wenn da schon jemand ist, der vielleicht von Anfang an einen etwas lauteren Ton hat, dann versuche ich immer, so gut das geht alles zu umgehen." 

Der 28-Jährige arbeitet als sogenannter Kundenbetreuer im Nahverkehr bei der DB Regio Mitte in der Einsatzstelle in Frankfurt. Am Mittwoch ist er unter anderem bei einer Zugfahrt vom Frankfurter Hauptbahnhof bis zum Mainzer Hauptbahnhof im Einsatz. Er kontrolliert Fahrgäste, gibt Tipps zum Umsteigen, macht Durchsagen. Alltag für Lucke. Doch vor einigen Tagen endete dieser Alltag für einen Kollegen tödlich.

Serkan Çalar war auch Zugbegleiter. Der 36-Jährige wurde Anfang Februar in der Nähe von Landstuhl von einem Fahrgast bei einer Fahrkartenkontrolle durch Faustschläge so schwer verletzt, dass er später starb. Der Zug war von Landstuhl (Rheinland-Pfalz) nach Homburg im Saarland unterwegs. Die Staatsanwaltschaft Zweibrücken ermittelt wegen Totschlags gegen den Tatverdächtigen.

Verbale Übergriffe, Beleidigungen, Bedrohungen

Lucke kannte Çalar nicht. Doch die Gefahren des Jobs sind auch ihm ständig bewusst. Auf dieser Fahrt bleibt alles ruhig, die Gäste haben Tickets, fragen freundlich nach dem Weg. Doch das ist nicht immer so.

"Ich hatte jetzt noch keine tätlichen Übergriffe, sondern immer nur verbale Übergriffe, Beleidigungen, manchmal auch Bedrohungen", berichtet er. "Aber ich habe das alles immer, so gut es geht, deeskalierend gelöst und habe mich auch der Situation dann immer entzogen."

Geduldig geht er von Reihe zu Reihe, beantwortet die immer gleichen Fragen auch beim zehnten Mal freundlich und geduldig. Er hilft einer Frau, den Koffer durch den engen Gang zu rollen und bittet eine andere, ihren aus dem Weg zu räumen. 

Zum Beginn der Zugfahrt kontrolliert er, ob alle Notfalleinrichtungen vorhanden sind - also Feuerlöcher, Notfallhammer, Türnotentriegelung und die Notbremse. Und "ob das alles in einwandfreien Zustand ist", erklärt er. "Dann gucken wir die Toiletten an, ob die funktionieren, ob die verstopft sind oder nicht." Erst, wenn alles andere fertig sei, fange die Fahrkartenkontrolle an. "Also die Fahrkartenkontrolle ist tatsächlich nicht, so wie viele denken, direkt unsere erste Aufgabe."

Schockstarre und Herzrasen bei einer Kontrolle

"Mir macht das Bahnfahren Spaß, mir macht der Umgang mit Menschen Spaß", sagt der 28-Jährige. "Ich finde das immer sehr interessant. Manchmal höre ich mir auch Geschichten an von den Leuten, wo die so hinfahren." Vor zwei Jahren kam er als Quereinsteiger zu seinem neuen Beruf.

An eine Situation erinnert er sich aber noch besonders gut. Auf einer Fahrt nach Mannheim weckte er einen Gast, der kein Zugticket hatte. Als er dessen Daten aufgenommen habe, sei der Mann aufgestanden, habe seine Jacke ausgezogen und angefangen, seine Finger zu knacken. Da sei Lucke klar geworden, wenn er ihn aufschreiben würde, "würde er mir vielleicht die Nase brechen". 

Er habe das deshalb abgebrochen. "Weil ich auch Angst bekommen habe", sagt Lucke. Er habe dem Gast gesagt, dass sein Drucker nicht funktioniere und dass heute sein Glückstag sei. "Ich bin dann einen Wagen weitergegangen, hatte natürlich Herzrasen und ich konnte in dem Moment auch irgendwie nichts mehr machen", erinnert er sich. "Ich konnte den Lokführer auch darüber nicht informieren. Ich konnte keine Anschlüsse mehr melden, weil ich so in Schockstarre war, weil ich wirklich Angst hatte, dass mir gleich etwas passiert wäre."

Hilft eine Bodycam?

Lucke kann seit Mai 2025 eine Bodycam tragen. Dafür hat er eine Schulung gemacht und entscheidet nun selbst, wann er sie mitnimmt - und auch, wann er sie anschaltet. Denn das muss er den Fahrgästen immer sagen. "Es wird dann für 72 Stunden gespeichert. Das kann auch nur von der Bundespolizei ausgelesen werden, ohne Tonaufnahme", sagt er.

Die Bodycam gebe ihm ein Sicherheitsgefühl, sagt er. Angeschaltet hat er sie bisher aber nicht. "Aber es gibt natürlich auch nicht die hundertprozentige Sicherheit." Wenn ein Fahrgast komplett austicken würde, würde er das auch tun, wenn Lucke seine Bodycam einschalten würde.

Lucke, der in der Bahn mit einem anderen Namensschild anonym unterwegs ist, entzieht sich solchen Situationen. "Für mich ist mein Leben einfach das Wichtigste", sagt er. "Die Bahn zieht auch nie Konsequenzen, wenn ich jetzt mal irgendwas nicht durchgesetzt habe oder so. Also denen ist es auch wichtig, dass ich im Endeffekt gesund nach Hause komme."
© Mona Wenisch, dpa | Abb.: Deutsche Bahn AG / Dominic Dupont (Symbolbild) | 11.02.2026 12:28

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